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Nr. 120, Sonntag, 07.08.1932

Seite 2

Der Tag in Czernowitz

Die Novelle des Tages
Prostituierte trinkt Lysol [S. 2, oben, links]
Das junge Mädchen hat bestimmt andere Ansprüche ans Leben gestellt, hat andere Pläne, andere Ziele, andere Hoffnungen und Sehnsüchte gehabt, als sich das Schicksal an ihm vollzog. Das junge Mädchen hat gewiß reich und glücklich werden wollen, hat ans Heiraten gedacht und an einen sonnigen Hausstand, an Kinder, über die die Welt nicht die Nase rümpfen, sondern sie täscheln und kosen wird, weil das Sprüchlein vor dem Traualtar denselben Vorgang, der sonst unmoralisch und verpönt ist, sanktioniert und legitimiert hat.
Das junge Mädchen ist aber Prostituierte geworden.
Sein Leben war so freudlos, daß es Freudenmädchen werden mußte. Die Freuden hat sie anderen bereitet, sie selbst, die Prostituierte, ging dabei leer aus.
Es kommt der Hunger, das Elend, die Not.
Die Stadt, in der das Mädchen seinen Beruf ausübt, ist klein, Lebewelt gibts hier kaum; der Verdienst wird täglich schwächer, der Hunger größer, die Sorgen zahlreicher, der Körper matter.
Angst, Selbstvorwürfe stellen sich ein. Zermürbende, absolute Aussichtslosigkeit auf eine bessere Zukunft vollenden das Zerstörungswerk.
Das Mädchen trinkt Lysol.
Dummerweise wird es gerettet.
Es wollte sich vor dem Leben retten, nun liefert man die Unglückliche dem Leben wieder aus.
Eine Tageszeitung faßt das Ganze in den Titel zusammen:
Prostituierte trinkt Lysol“.
Ist Prostituierte ein besonderer Titel? Man fühlt die Mißachtung des Redakteurs, die er in den Titel „Prostituierte“ hineinlegte. Wie? Hat eine Prostituierte überhaupt derlei Rechte? Und ist das nicht widersinnig: ein Freudenmädchen trinkt Lysol, maßt sich also offensichtlich das Privileg an, Leiden zu empfingen, wie jeder andere Mensch? Ist denn eine Prostituierte überhaupt ein Mensch?
„Prostituierte trinkt Lysol“. In diesem Titel liegt soviel Hohn und Verwunderung darüber, daß so etwas möglich ist! Obgleich doch eine Prostituierte und gerade eine solche Lysol trinken soll, weil es auch beim Selbstmord Klassenunterschiede gibt, weil die feine Dame sicher nicht Lysol trinkt, sondern ein vornehmes, diskretes Gift, sofern sie nicht Champagner trinkt.
Der Titel „Prostituierte trinkt Lysol“ ist ein ganzer Roman. Der Autor weiß das nicht, er bedient sich ihrer zwar gern, im übrigen aber ist sie eine Prostituierte und hat nicht die Öffentlichkeit mit ihrem Selbstmord zu belästigen. Tut sie es dennoch, so seufzt der Tageschronist: Das sind die Schattenseiten meines Berufs; daß man sich auch mit Prostituierten abgeben muß!!
Nachts geht er zu einer . . .
H. G. [vermutlich Heinrich Goldmann]

Nr. 448, Donnerstag, 21.09.1933

Selbstmord [S. 2, rechts, Mitte]
Die in der Baltinestergasse 5 wohnhafte Frau Maria Totoescu hat gestern nachmittags durch Trinken von Lysol Selbstmord verübt. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Der Grund der Verzweiflungstat liegt in familiären Zwistigkeiten.

Nr. 552, Sonntag, 28.01.1934

Die Novelle des Tages
Ein Revolverschuss und vier Flaschen Lysol [S. 2, oben, links]
Traurige Tagesbilanz in Czernowitz

Am Mittwoch der abgelaufenen Woche haben sich in Czernowitz fünf Fälle von Selbstmord, bezw. -versuchen ereignet. Einer von diesen ist geglückt, der des Leutnants Ghiulea, der, von einem Gottesdienst heimgekehrt, nachdem er noch am Abend des Vortages sich fröhlich in fröhlicher Gesellschaft befunden hatte, seine Ordonanz aus dem Zimmer schickte mit der Bemerkung, er wolle ein wenig schlafen, und sich dann durch einen Revolverschuß einen Schlaf holte, aus dem es kein Erwachen gibt. Der Fall hat Aufsehen erregt, besonders weil das Motiv so ganz unbekannt ist, kein Brief hinterlassen wurde, der Aufschluß geben könnte, keine geplünderte Kasse, keine Frau, die Liebe zurückwies. Die Kameraden schildern Ghiulea als heiter und offenherzig, er war bei den Vorgesetzten beliebt, sein junges Leben schien ruhig und im Gleichmaß hinzufließen, für alle Zukunft gesichert. Und trotzdem ging er in sein Zimmer und, wie ein anderer sich eine Zigarette anzündet, schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. „Motiv der Tat: unbekannt“ verzeichnet der Polizeibericht, aber wer könnte sagen, daß er die Gründe, die Abgründe einer Menschenseele kennt und darum kann man, wenn man ehrlich sein will, nur seine eigene Unwissenheit einbekennen.
Und wie war es bei der Olga B., der 24-jährigen jungen Frau, die, vor kurzem verheiratet, in glücklicher Ehe mit ihrem Gatten lebte? Aber dann hatte sie mit ihm einen Streit, der nach den Angaben der Zeugen ziemlich harmloser Natur war - keiner ahnte Böses, aber Olga schloß sich in ihr Zimmer ein und wurde erst später, sich windend vor Schmerzen, aufgefunden: sie hatte eine Flasche Lysol geleert. Nun liegt sie im Zentralspital in ernstem Zustand, ein Gegenstand des Staunens für ihre Angehörigen, die es nicht verstehen, wie man „um so etwas“ den Tod sucht. „Krise der Nerven“ wird der Psychiater von ihr sagen, wie ja schon im Falle des Leutnants Ghiulea nur die Sinnesverwirrung als einziges halbwegs annehmbares Motiv zur Erklärung herangezogen wurde.
Aber „Krise der Wirtschaft“ oder - einfacher - Not und namenloses Elend wird jeder als die Ursache des Selbstmordversuches der 19-jährigen Anna B. erkennen, die im Wartesaal des Hauptbahnhofes eine Flasche Lysol geleert hat. Es war das alte Lied: Fabriksarbeiterin, dieser Tage entlassen und ohne Aussicht eine neue Stelle zu bekommen.
Und dann - alles an einem Tag - zwei Dienstmädchen-Tragödien. Die 20-jährige Anna G. und die 20-jährige Marie L. (gibt es da noch einen Unterschied im Schicksal, könnten sie nicht beide „Anna“ oder beide „Marie“ heißen?) vergiften sich mit „Lysol“. Die Ursache der Tat - wer könnte sie nennen?! Unglückliche Liebe, schlechte Behandlung durch die Dienstgeber, Streit mit den Dienstmädchen im gleichen Haus oder das plötzliche lähmende Gefühl der Verlassenheit in der fremden Stadt, fern von den Lieben im Heimatdorf, von Kirche und Tanzplatz?
O tröstendes Lysol, Gift der Allerärmsten, das freilich nicht leicht hinüberschlafen läßt in das Jenseits - das man darum „das bessere“ nennt, weil es nichts mehr Schlechteres als das Diesseits geben zu können scheint - das nicht wie das Veronal schmerzlosen Tod gibt und nicht wie der Revolver jählings schnellen. O Gift der kleinen Leute, Arbeiterinnen und Dienstmädchen, die noch, wenn sie sterben wollen, haushalten müssen, gräßliche Schmerzen auf sich nehmen, um zur Schmerzlosigkeit zu gelangen und - grausame Ironie des Schicksals! - ihr Ziel meist nicht erreichen, so unsicher ist die Wirkung dieses Giftes.
Ein Revolverschuß und vier Flaschen Lysol: ein Toter und vier enttäuschte Gerettete, die wohl vom Tod, nicht aber auch für das Leben gerettet sind.
F.

Nr. 820, Samstag, 29.12.1934

Wegen unglücklicher Liebe
Gestern nachmittags hat die 32-jährige Gouvernante Maria S. in einem Hause in der str. Munteniei Selbstmord versucht, indem sie ein größeres Quantum Lysol einnahm. Sie wurde von ihren Nachbarn bewußtlos in ihrem Bette aufgefunden und in das Zentralspital überführt. Als Motiv der Tat wurde unglückliche Liebe festgestellt.

Nr. 941, Donnerstag, 30.05.1935

Selbstmordversuch bei einer Pfändung [S. 2, oben, rechts]
Gestern war wieder ein unheilvoller Tag für die Steuerträger. Allenthalben sah man die bekannten Rollwagen, hochbeladen mit Hausrat, beweint von den zahlungsunfähigen Steuerträgern, durch die Straßen unserer verarmenden Stadt ziehen.

In der Str. Romana ereigneten sich bei einer Exekution dramatische Szenen. Die Steuerorgane erschienen bei dem 80 Jahre alten Moritz Streicher, um die Rückstände der Steuern, die er für sein kleines Häuschen schuldet, einzukassieren. Da er nicht in der Lage war, auch nur die geringste Zahlung zu leisten, wurde an die Pfändung der Möbel geschritten. Von den zwei Töchtern Streichers nahm sich die eine, Dora Streicher, die Pfändung, die für die Familie Vernichtung ihres Heimes bedeutete, so sehr zu Herzen, daß sie ein Fläschchen Lysol ergriff und es an den Mund führte, um seinen Inhalt zu leeren.

Im letzten Augenblick konnte ihr jedoch der diensttuende Gendarm das Fläschchen entreißen.

Inzwischen hatte man bereits mit dem Hinaustragen der Einrichtungsgegenstände begonnen. Dora Streicher lief nun in einen Nebenraum und durchschnitt sich mit einer Rasierklinge das Handgelenk, ohne indessen die Pulsadern zu treffen.

Die alarmierten Nachbarn, durch das Gebaren des Mädchens ergriffen, konnten mit größter Mühe 1000 Lei aufbringen, die sie dem Exekutor aushändigten, worauf die Pfändung eingestellt wurde.

Quelle

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The Grim Disinfectant: Lysol Was The Poison Of Choice For Cincinnati Suicides

by Greg Hand

During the 1800s, most Cincinnati suicides involved drinking carbolic acid, a phenolic compound used as a disinfectant.  In the early 1900s, however, carbolic acid was almost replaced by a new suicide poison – Lysol disinfectant.

Lysol was first sold in Germany in 1889. Among the ingredients of early Lysol formulations were benzalkonium chloride and organic compounds called cresols (a type of phenol), both poisonous in significant quantities.

As early as 1894, medical authorities in Germany had estimated that 100 suicides each year in Germany were caused by a product just five years on the market. A single neighborhood in Berlin yielded 24 suicides by Lysol that year. By 1913, Lysol was the most popular means of suicide in Germany and Australia.

Cincinnatians followed suit. 

  • In 1905, Madge Holley of George Street (in Cincinnati’s red light district) attempted suicide by drinking Lysol on learning of her father’s death in Virginia.

  • Daisy Sherman, aka Madge Simpson, 22, described as a harlot, committed suicide at 309 Longworth Street in 1908 by drinking Lysol. She died at the City Hospital.

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  • Lucille Allen, 32, living in an apartment at the corner of Sixth and Smith streets, committed suicide by drinking Lysol in 1909.  She was upset over poor health.

  • Mary Herbst, 42, of Sixth and Plum streets, attempted suicide in 1910 by drinking Lysol. She was despondent after the death of her husband six months earlier.

  • Mary McCabe, 51, of 3703 Warsaw Avenue, committed suicide in 1913 by drinking Lysol to end a long illness.

  • Margaret Wagner, 21, of 1011½ Mound Street, killed herself by drinking Lysol in 1914 when her husband threatened to divorce her and take their child.

  • Lena McClanahan, 19, of 3072 Beekman Street, drank a bottle of Lysol in 1914 when her father reprimanded her for sitting up until after midnight with her intended.

  • Tessie Ehling, a 14-year-old schoolgirl living at 654 Delhi Avenue killed herself in 1926 by drinking Lysol at a neighbor’s house.

After the 1930s, reports of Lysol-assisted suicides declined as other, more effective products became available. The reader will also note that all cases listed involve women. Men then as now used gunshots and hanging to kill themselves.

Source

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